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Reise nach Jerusalem: Das Theater Strahl spielt „Nathan der Weise“

Jugend ohne Gott? Nicht wirklich. Zur Vorbereitung ihrer jugendgerechten Version von Lessings „Nathan der Weise“ waren die Religionsforscher vom Theater Strahl in einer katholischen, einer jüdischen und einer muslimisch geprägten Schule unterwegs. Haben mit den Schülern ein Speedwriting zum Thema „Was glaubst du?“ veranstaltet und sie die Ringparabel in einer SMS mit 160 Zeichen erklären lassen. Videos der Kids, die über Familien, Werte und den Schöpfer sinnieren, sind als Installation im Foyer des Kulturzentrums „Die weiße Rose“ in Schöneberg zu sehen.

Eine passende Einstimmung auf den Toleranzkampf, der folgt.

Regisseur und Autor Günter Jankowiak hat Lessings Ideendrama aber nicht in die Gegenwart der Pausenhöfe gezerrt, sondern im Jerusalem des 12. Jahrhunderts belassen. Zwei Reiseführer im Logo-Shirt aus Halbmond, Davidstern und Kreuz (Kristin Becker und Franz Lenski) nehmen das junge Publikum mit in die blutig-bewegte Zeit des Dritten Kreuzzugs (Vorstellungen wieder vom heutigen Mittwoch bis 26. Oktober). Ein blaues Teppichgeviert mit orientalischen Sitzecken markiert den Schauplatz in der Saalmitte. Lessings Geschichte über die Kraft der Aufklärung besitzt noch immer genug Spannung, um ohne Schnörkel und Kunstanstrengung zu bannen.

Das Haus des reichen Kaufmanns Nathan (Andreas Schwankl) ist während einer Geschäftsreise abgebrannt, ausgerechnet ein christlicher Tempelherr (Oliver Moritz) hat die Ziehtochter des Juden aus den Flammen gerettet. Die schöne Recha (Yvonne Yung Hee) verliebt sich in den schmucken Ritter, wobei dem Happy-End die ungeklärte Herkunft im Weg steht. Regisseur Jankowiak und sein Ensemble haben eine klare Sprache für Lessing in der Gegenwart gefunden. Natürlich gibt’s Anklänge an aktuellen Religionenkrampf, wenn beispielsweise das Stichwort Beschneidung fällt. Aber das Strahl-Team belässt es dezent dabei und vertraut ansonsten auf den universellen Gehalt des Stücks. Goldene Worte der Erkenntnis spricht gen Schluss der junge Tempelherr: „Vielleicht wär’s gut, wenn ich ab und zu nachdenke, bevor ich rede“. Ein gutes Credo.

Diese Kritik schrieb Patrick Wildermann für den Tagesspiegel (24.10.2012)